Klappstuhlgeflüster: zuhören und diskutieren

Veranstaltungsankündigung Klappstuhlgeflüster

Am Montag, den 21. September 2026, war Gabriele Fuchs, Vorstandsmitglied von Kraichtal hilft, vom Aktionsbündnis Demokratie und Menschenrechte Oberderdingen eingeladen, im Rahmen des Gesprächsformats "Klappstuhlgeflüster: zuhören und diskutieren" auf dem Marktplatz in Oberderdingen zu sprechen. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Fluchtgeschichten – bringt eure eigenen Geschichten mit – Gedankenexperimente zu GEAS.“

Das Format soll künftig regelmäßig stattfinden und die demokratische Kultur stärken. Alles, was dafür nötig ist, sind ein Klappstuhl und die Bereitschaft, miteinander ins Gespräch zu kommen.

In ihrem Beitrag eröffnete Gabriele Fuchs den Abend mit einem Impuls zur Frage, wie persönliche Fluchtgeschichten heute klingen würden, wenn es das neue Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS) bereits in der Vergangenheit gegeben hätte und wie gut es sei, dass unsere demokratischen Grundrechte diesen Gedankenaustausch ermöglichen.

Sie erinnerte daran, dass demokratische Grundrechte ein Vermächtnis der Menschheit sind, entstanden als Antwort auf die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Diese Grundrechte bündelten unsere demokratischen Haltungen und kulturellen Werte und prägten seit vielen Jahren unser gemeinsames Selbstverständnis. Fuchs stellte die Frage, ob dieser Konsens heute noch trägt, da er angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen brüchig wirkt. Unser gemeinsames Fundament, so Fuchs, werde damit zum Prüfstein für politische Glaubwürdigkeit und für den Zustand unserer Gesellschaft.

Sie spricht an, dass zu erwarten sei, dass zahlreiche GEAS‑Regelungen juristisch geprüft werden, da sie potenziell im Spannungsverhältnis zu unseren Grundrechten stehen. Erste Klagen z.B. bezüglich der Übergangsvorschrift gibt es bereits und Pro Asyl hat weitere Klagen angekündigt.

Fuchs erläuterte die Dimension der Reform: Elf neue EU‑Rechtsakte, davon zehn Verordnungen und eine Richtlinie, die seit Juni 2026 in allen Mitgliedstaaten gelten und das europäische Asylsystem grundlegend neu ordnen. In ihrem Überblick zeigte sie die zentralen Veränderungen auf, von Grenzverfahren und Screening über neue Haftregelungen bis hin zu erweiterten Möglichkeiten, Bewegungsfreiheit einzuschränken - auch für Kinder.

Die GEAS‑Anpassungsgesetze sollen die deutsche Rechtslage an die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems anpassen. Der deutsche Gesetzgeber hat die vorhandenen Spielräume weitgehend zulasten der Schutzsuchenden genutzt. Einige Regelungen gehen über die zwingenden Vorgaben des EU‑Rechts hinaus, insbesondere beim Umgang mit der Freiheit der Person, bei neu geschaffenen Haftmöglichkeiten, bei der Einrichtung sogenannter Sekundärmigrationszentren, bei der Pflicht zur Tonaufzeichnung der Anhörung, bei der Abschaffung des Familienasyls sowie bei der Ausweitung der Datenverarbeitung.

Damit werden tiefgreifende Eingriffe in die Rechte Schutzsuchender ermöglicht. Die Reform werde das Asylsystem nachhaltig verändern und stelle Kommunen, Beratungsstellen und die Zivilgesellschaft vor große Herausforderungen.

Neben der GEAS‑Umsetzung verwies Fuchs auf zusätzliche nationale Maßnahmen, die das Asylrecht unabhängig von GEAS verschärfen. Vom DAF, Internationaler Freundeskreis Bretten e.V. wurde dazu ein Info-Flyer ausgelegt. Darin werden u.a. die Abschiebezentren außerhalb der EU, sogenannte Return Hubs, benannt.

Auch Engagierte von „Nein zur Bezahlkarte“ Karlsruhe waren an diesem Abend anwesend, um sich für die Selbstbestimmung von Asylbewerber*innen und geduldeten Geflüchteten einzusetzen. Mit der Bezahlkarte darf nur noch wenig Bargeld im Monat abgehoben werden und Bezahlungen sind nur noch eingeschränkt möglich. Die Nutzung ist auf bestimmte Geschäfte beschränkt und jede Brezel vom Bäcker, jeder Flohmarktbesuch sowie ein Schulausflugs muss gut überlegt sein. Aus Solidarität sind deshalb in vielen Städten Tauschsysteme entstanden, bei denen Geflüchtete mit der Bezahlkarte gekaufte Gutscheine gegen Bargeld eintauschen.

Fuchs endete ihren informativen Vortrag mit einer ergreifenden Fluchtgeschichte einer syrischen Familie aus dem Buch „Wir in Kraichtal“ von Joyce Filsinger. Diese und eine persönliche Erzählung eines Zuhörers, der 1969 als Kind mit seiner Familie aus der damaligen Tschechoslowakei nach Deutschland geflüchtet war eröffneten die Gespräche darüber, welche unterschiedlichen Wege Menschen auf der Suche nach Schutz zurückgelegt haben. Dabei ging es auch um die Frage: „Was wäre, wenn es damals schon das neue GEAS gegeben hätte?“

Alles in allem war das, trotz der einziehenden Kühle, ein äußerst gelungener und interessanter Abend. Das neue Gesprächsformat des Aktionsbündnisses initiierte einen wichtigen Impuls und eröffnete einen Austausch, der die demokratische Kultur stärkt. Wir dürfen uns auf das nächste Thema freuen, das auf dem Marktplatz in Oberderdingen Gehör erhält und Gespräch ermöglicht.

Vielen Dank an das Organisationsteam des Aktionsbündnisses für Demokratie und Menschenrechte Oberderdingen für die Einladung!